Organisiertes Spielen in der Schule
Wenn Kinder spielen, lernen sie gleichzeitig. So ist es nicht erstaunlich, dass der Begriff «Spielen» über 70mal im Lehrplan Volksschule Thurgau aufgegriffen wurde. Jüngere Kinder lernen beim Beobachten, Imitieren, Mitmachen, Gestalten oder im Gespräch. Ihre Aktivitäten werden dabei in erster Linie von ihren Interessen und der Motivation geleitet, die eigenen Fähigkeiten zu erproben und zu erweitern.
Ein Freitag im Januar. Die Kinder strömen nach der Pause ins Schulhaus. Das Ablegen der Kleidung geht heute blitzschnell, im Nu sitzen alle auf ihren Plätzen. Vor ihnen auf dem Tisch steht ein Spiel. Mal grosse, mal kleine, mal aus Holz, mal aus Plastik. Eine Auswahl aus unterschiedlichen Brett- und Kartenspielen stehen in den Schulzimmern der 1. und 2. Primarklassen bereit. Die Spielförderung ist fix im Jahresplan eingetragen. Dann haben die Lehrpersonen der EK/1./2. Primarklassen ein Zeitfenster eingeplant, um zu spielen.
Wenn nicht eingeschränkte Coronaregeln gelten, findet ein gemeinsamer Einstieg statt. Die Blicke wandern bereits über die bereit gelegten Spiele, doch die Lehrpersonen fordern noch kurz die Aufmerksamkeit aller Kinder ein. Es geht um die Regeln während der Spielzeit, um Sorgsamkeit zu den fremden Spielen, um gemeinsames Starten und Beenden einer Partie, um den Platzbedarf bei grösseren Bewegungsspielen. Den Kindern sind die Regeln mittlerweile geläufig. Die Erstklässler orientieren sich an den erfahrenen Schülerinnen und Schülern. Schon nach wenigen Minuten verteilen sich die Kinder in den verschiedenen Schulzimmern, begutachten die aktuelle Spielauswahl und starten die erste Partie ihrer Wahl.
Das Spielangebot ist bunt gemischt. Hier wird analog gespielt. Ob in kooperativen Varianten oder gegeneinander. Das Siegen und Verlieren will gelernt sein. Es gibt Neuheiten zu entdecken, Klassiker wie Schach, ein Jass oder Mühle, aber auch bewährte Kartenspiele wie Elfer Raus. Die Lehrpersonen sind in ihren Zimmern ebenfalls aktiv. Sie erklären «ihr» Spiel, suchen für unentschlossene Kinder Spielgruppen oder animieren, einmal ein neues Spiel zu testen. Gleichzeitig wird die Spielfreude geweckt. Wer bisher wenig mit Brett- und Kartenspielen in Kontakt kam, ist fasziniert von der grossen Auswahl und macht zu Hause Werbung, ebenfalls einmal etwas auszuprobieren. Jede Spielzeit macht die Kinder um spielerische Erfahrungen reicher und lässt die Wunschzettel anwachsen.
In jedem Schuljahr erhalten die Kinder viermal organisierte Spielzeit geschenkt und lernen die Spiele ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler kennen. Bei den Lehrpersonen stellt sich schon lange nicht mehr die Frage, ob die Spielförderung stattfinden soll. Die Frage ist nur noch: An welchen Terminen finden sie statt?
Text und Fotos: Jean-Philippe Gerber